Göttingen (ddp). Bei der Weltpremiere hat Günter Grass sichtlich gute Laune. Das Gesicht gebräunt, der Gang aufrecht, bekleidet mit offenem Hemd und beigefarbenem Jackett, betritt der Literaturnobelpreisträger am Freitagabend den ausverkauften größten Hörsaal der Göttinger Universität. Verschmitzt und etwas kokett lächelt der 82-Jährige in die Kameras, mit einer angedeuteten Verbeugung dankt er den rund 800 Zuhörern für den Begrüßungsbeifall.
Günter Grass. Foto: ddp
In Göttingen präsentiert Grass erstmals sein neues Buch "Grimms Wörter" der Öffentlichkeit. An einem Pult stehend, trägt er gut eine Stunde lang drei längere Passagen aus dem Roman vor. Grass würdigt in dem Werk das Leben und Wirken der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im 18. Jahrhundert.
Er beschreibt ihre Tätigkeit als Professoren und Sprachforscher in Göttingen, ihre gemeinsam mit fünf anderen Hochschullehrern verfasste Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch des Königs Ernst August I. von Hannover, ihre Relegation von der Universität und ihre Ausweisung. Ein überregionales Komitee von Bürgern mit Zentrum in Leipzig zahlte den entlassenen Professoren damals aus Spendengeldern vorerst die Gehälter weiter. Während die Brüder Grimm ohne Anstellung waren, unterbreiteten die Leipziger Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel ihnen den Vorschlag für das "Deutsche Wörterbuch".
Die Brüder nahmen an, doch wurde das gewaltige Vorhaben erst 1960, viele Jahre nach dem Tod von Jakob und Wilhelm Grimm, vollendet. Mehrfach flicht Grass persönliche Erlebnisse und Episoden in das Buch ein - etwa, als er dem Auftritt von Jacob Grimm im Paulskirchenparlament 1848 seine eigene, 1997 ebenfalls in der Paulskirche gehaltene Laudatio für den kurdischen Autor Yasar Kemal folgen lässt. Um eine Autobiografie, als welche manche Kritiker das Buch lasen, handelt es sich bei "Grimms Wörter" jedoch nicht.
Wohl aber um eine Liebeserklärung, wie Grass in der anschließenden Diskussion mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering betont, und wie es auch der Untertitel des Buches ausweist. Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, an das geschriebene und das gesprochene Wort.
Gleichzeitig mit dem Roman ist eine von Grass gelesene Hör-CD von "Grimms Wörter" erschienen. Grass verrät in dem Gespräch, dass er seine Manuskripte bis heute mit der Hand schreibt, eine zweite Fassung dann mit einer alten Olivetti. "Was wollen Sie", reagiert er mit gespielter Empörung auf erstaunte Rufe im Publikum, "das ist eine elegante Reiseschreibmaschine!" Mit dem Computer, sagt Grass, gehe ihm das alles zu viel schnell. "Das Arbeiten damit führt zu einer gewissen Beliebigkeit." Ob "Grimms Wörter" wirklich sein letzter Roman ist, wie er es zuvor angedeutet hat, lässt Grass am Freitagabend offen. Fürs Altenteil fühlt er sich jedenfalls noch zu jung. Auch um nach dem Schreiben "zu regenerieren", hat er nach 20-jähriger Pause wieder mit Radierungen begonnen.
Damit will er eine neue Ausgabe seines 50 Jahre alten Jahres Romans "Hundejahre" illustrieren. Ohnehin gibt es erst mal genug zu tun. Am Samstagmorgen signiert Günter Grass in einer Göttinger Buchhandlung eine Stunde lang das neue Buch, am Nachmittag trifft er seinen Verleger Gerhard Steidl, der die Weltrechte am Werk des Schriftstellers besitzt. Dann geht es auf Reisen. In rund einem Dutzend weiteren Städten will Grass "Grimms Wörter" in den nächsten Wochen vorstellen.