 | Krankheit. Verzicht
bestimmt das Leben der 75-jährigen Martha W.
Ihre Wäsche wäscht sie noch mit der Hand.
Für eine Maschine reicht die Rente nicht.
Von Rita Hidde
Neubrandenburg. Nur langsam nähert sich Martha W. dem Hoftor. Das Gehen fällt ihr schwer. Sie stützt sich tief gebeugt auf einen Stock. Weil die Eingangstür klemmt, bittet Martha W. den Besuch, ihr durch den Stall in die Wohnung zu folgen. Mischlingshund Bruno weicht die ganze Zeit nicht von ihrer Seite. Ein wachsamer Begleiter.
Vorbei gehts am Hühnerkäfig, ein Stück durch den Stall, dann in die Küche und von dort ins Wohnzimmer. Bruno bleibt derweil artig vor der Tür. Martha W. nimmt einige Sitzkissen zur Seite. Die habe sie gerade noch gereinigt, erklärt sie. Die Möbel im Raum sind viele Jahre alt, doch alles ist gepflegt und blitzsauber. An den Wänden und auf der Kommode Porträtfotos. Sie zeigen Eltern und Geschwister von Martha W. in jungen Jahren. Die Eltern seien lange tot, auch ihre Schwester und einer ihrer Brüder, sagt die 75-jährige Frau mit dem ausdrucksstarken Gesicht und dem wachen Blick.
Seit über 60 Jahren lebt Martha W. in diesem Haus. Die Wohnung habe die Familie selbst ausgebaut, erzählt sie. Das war damals, als sie sich in dem kleinen Dorf nach einer sehr langen Flucht aus Hinterpommern ein neues Zuhause schuf. Eine entbehrungsreiche und schicksalsschwere Zeit. Martha W. erinnert sich an viele Einzelheiten, sieht manches noch ganz klar vor Augen, zum Beispiel die Fahrt auf dem offenen Güterwagon, als sie sich als Zehnjährige an ihre Mutter klammerte, oder den Schulunterricht bei dem Lehrer, der alle Flüchtlingskinder gleich nach hinten setzte. Alles das hat sie geprägt.
Martha W. und ihre Schwester haben nie eine eigene Familie gegründet, sie blieben auch als Erwachsene bei den Eltern, halfen in der kleinen Landwirtschaft. Seit mehr als zehn Jahren schon lebt Martha W. nun allein in dem Haus. Sie erhält eine sehr kleine Rente, knapp 250 Euro im Monat, dazu Wohngeld, so dass das Einkommen bis zum Sozialhilfesatz aufgestockt ist.
Martha W. klagt nicht.
Ihre Familie hat immer sehr bescheiden gelebt. Sie ist es gewöhnt, mit wenig auszukommen. In der Regel kauft sie zweimal im Monat ein. „Ich brauche ja nicht viel“, sagt sie. Und warm essen müsse sie auch nicht. Üppig zu leben, das mache nur dick, ist sie überzeugt. Und sie erinnert sich: Nach der ersten Flucht aus Hinterpommern wurde die Familie wieder zurückgeschickt.
Das Leben damals sei sehr schwierig gewesen, viel schwieriger als heute, verdeutlicht Martha W. Es gab kaum etwas zu essen. Ein Jahr lang musste sich die Familie dort durchschlagen, wo inzwischen Polen und Russen das Sagen hatten. Martha W. spricht darüber ohne Groll. Aber sie weiß, was Hunger, Kälte, Entbehrung bedeuten.
Nach einem Jahr zog die Familie erneut Richtung Deutschland und wurde letztlich in dem kleinen mecklenburgischen Dorf heimisch.
Die Familienbande blieben auch weiter sehr stark, nachdem ihre beiden Brüder das Haus verlassen hatten. Besonders einer habe ihr viel geholfen, einmal im Monat besuchte er sie und regelte vieles, sagt Martha W. Jetzt kümmern sich Verwandte aus der Stadt um die 75-Jährige. Ihr Cousin und seine Frau bringen ihr gern auch Früchte und andere leckere Lebensmittel mit, erzählt Martha W. Sie weiß, dass sie es gut meinen mit ihr, doch so recht gefällt ihr das nicht. Sie wolle sich selbst nicht verwöhnen, sagt sie konsequent. Sie habe ja alles, was sie brauche.
So empfindet sie es auch nicht als Verzicht, dass es in ihrem Haushalt seit 20 Jahren keinen Fernseher gibt. Den habe sie gut eingepackt und weggestellt, erzählt Martha W. Das gilt auch für das Radio. Sie müsste für das Betreiben der Geräte jetzt Rundfunkgebühren zahlen. Außerdem verbrauchen sie Strom. Ausgaben, die sich die Rentnerin nicht leistet. Gerade mal zehn Euro bezahlt sie monatlich für die Abschläge an den Energieversorger. Unterstützung vom Amt hat sie nie beantragt. Erst seit kurzer Zeit, seit ihr Cousin beim Amt vorsprach, bekommt sie Wohngeld.
Martha W. hat sich mit ihrem Leben eingerichtet, sie ist zufrieden. Einzig das Wäschewaschen fällt ihr inzwischen schwer. In einem Kessel kocht sie die Wäsche und wäscht sie dann mit den Händen. Ihr Cousin riet ihr, eine Waschmaschine anzuschaffen. Doch dafür reicht trotz aller Sparsamkeit das Geld nicht aus.
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